Neues aus der Welt des Bauens und Wohnens

Der lange Weg bis zur Trendwende

erschienen am 7/7/2017

bild zins juli 17

Eine Trendwende ist nicht zwangsläufig zu dem Zeitpunkt spürbar, an dem sie eingeleitet wird. Meist lässt sich erst im Nachgang feststellen, ob es eine Zäsur gegeben hat. Denn oft genug ändert sich trotz starker Anzeichen, Taten oder Worte – nichts.

Konkret denke ich an die Geldpolitik und frage mich, welche Auswirkungen die Rhetorik des EZB-Chefs Mario Draghi langfristig hat. Draghi hatte bei der vergangenen Sitzung im Juni vorsichtig die Option auf eine Abkehr der ultralockeren Geldpolitik geäußert. Dass die amerikanische Notenbank Fed Mitte Juni den Leitzins wie erwartet weiter auf eine Spanne von 1 bis 1,25 Prozent angehoben hat, soll hier weniger eine Rolle spielen. Die Frage, die sich mit Blick auf die Europäische Zentralbank und überhaupt die wirtschaftliche und konjunkturelle Entwicklung Europas stellt: Wird diese Ankündigung im Nachgang betrachtet die Trendwende markieren?

Zusätzlich zur EZB-Rhetorik gibt es weitere Entwicklungen, die sich als Einflussfaktoren erweisen könnten. Zum Beispiel der Wahlsieg des französischen Präsidenten Macron und die Wahlschlappe von Theresa May. Doch ob Europa die Konjunktur- und Zinswende dauerhaft schafft, wird sich angesichts bereits nachlassender Inflation im Juni oder schlechter Wachstumszahlen in Italien weiterhin erst einmal zeigen müssen.

Zins- und Marktumfeld

Nachdem die Geldpolitik der Notenbanken die Preise von Aktien und Immobilien in den vergangenen Monaten und Jahren auf immer neue Höhenflüge geschickt hat, sind im Juni die Aktienindizes ein wenig unter Druck geraten. Der DAX etwa hat eine Korrektur unter die Marke von 12.500 Punkte erfahren. Der Euro hingegen kletterte gegenüber dem US-Dollar auf ein Zehn-Monatshoch. Auslöser war die Äußerung Draghis, dass sich die Inflation in der Euro-Zone schon bald wieder in Richtung der EZB-Ziele entwickeln werde. Zudem hat er ausgeschlossen, dass die Leitzinsen weiter sinken. Die aktuellen Inflationszahlen in der Eurozone allerdings sind im Juni mit nur noch 1,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr mit 1,4 Prozent im Mai schon wieder etwas schwächer.

Doch auch wenn die Teuerung etwas schwächelt, unterstützen andere Zahlen eine Straffung der Geldpolitik. Demnach soll Deutschlands Wirtschaftskraft beispielsweise um 2,8 Prozent pro Jahr zulegen. Das ifo-Institut in München prognostiziert in seiner jüngsten Konjunkturprognose weiteres Wachstum in Deutschland mit einem fast leergefegten Arbeitsmarkt, hohem Auftragsbestand beim produzierenden Gewerbe sowie innovativen Entwicklungen bei Produkten und Dienstleistungen. Auch Frankreichs Wirtschaftswachstum steigt. Selbst einstige Sorgenkinder wie Spanien und Portugal freuen sich über Wachstumsraten von 3,7 und 3,0 Prozent.

Die Nachfrage nach deutschen Staatsanleihen bleibt vor dem Hintergrund dennoch hoch, was die Renditen drückt. Die Konditionen für zehnjährige Darlehen liegen daher Anfang Juli bei rund 1,4 Prozent und damit Nahe des Jahrestiefststandes. Bei Bestanbietern erhalten Kreditnehmer sogar Darlehen um 1,1 Prozent.

Der Interhyp-Expertenrat

Für Immobilienkäufer bedeutet eine mögliche Zinswende, dass ein Immobilienkredit bei steigenden Zinsen um mehrere Tausend Euro teurer werden kann. Allerdings wird dieser sich bestenfalls langsam einstellen. Niemand sollte sich also wegen der Angst vor steigenden Zinsen in ein zu hastig geplantes Immobilienprojekt stürzen. Denn dafür müssen alles Parameter grundlegend stimmen. Wer aber seine Finanzierungssituation mit seinem persönlichen Berater geklärt und ein passendes Objekt gefunden hat, sollte bei den aktuell niedrigen Zinsen zuschlagen.

Die Empfehlung für Immobilieninteressenten kann deshalb nur lauten, die Immobilieninvestition den individuellen Gegebenheiten anzupassen – und sich ein Stück weit von der Marktentwicklung zu entkoppeln. Dies lässt sich durch die Wahl von langen Zinsbindungen realisieren, die langfristig Planungssicherheit schaffen. Auch ein im Verhältnis geringer Fremdkapitaleinsatz sowie eine in Bezug auf die eigene Bonität tragfähige Finanzierung schaffen solide Sicherheit. Wer eine monatliche Kreditrate auch mit drei Prozent Anfangstilgung bequem schultern kann, befindet sich auf einem guten Weg.

Kurz und knapp: Das sagen die Experten

Was die kurzfristige Entwicklung der Zinsen angeht, sind die von uns befragten Experten verschiedener Meinung. Es gibt gute Argumente für fallende, gleichbleibende aber auch steigende Zinsen. Die politischen Unsicherheiten haben in den vergangenen Wochen etwas abgenommen, womit die Auswirkungen von starken Wirtschaftsdaten und auch der Geldpolitik direkter ausfallen dürften.

Langfristig sehen die Marktbeobachter einen Trend hin zu höheren Zinsen. Die Mehrheit wertet die Signale der Notenbanken als langfristige Abkehr von der Politik des billigen Geldes – obgleich alle Experten von einer sehr langsamen Normalisierung der Geldpolitik ausgehen.

Fazit

Zum jetzigen Zeitpunkt von einer Trendwende zu sprechen, wäre verfrüht, angesichts der vagen EZB-Rhetorik, der aktuellen Konjunkturdaten und der zuletzt leicht zurück gegangenen Teuerungsraten in der Eurozone. Das gilt umso mehr, als dass die EZB in den vergangenen Tagen mehrfach betonte, die Äußerungen Draghis seien missverstanden worden. Vielmehr seien sie als ausgewogenes Statement gedacht gewesen, das einerseits das solide Wachstum im Euroraum und andererseits die Notwendigkeit einer weiteren geldpolitischen Unterstützung herausheben sollten. Tatsächlich hängt das europäische und deutsche Zinsniveau ebenso von der Entwicklung der übrigen Märkte ab – also ebenso maßgeblich von der Konjunktur in China oder den USA.

Im Detail: Die Aussagen der Experten im Interhyp-Bauzins-Trendbarometer

Quelle: Interhyp

Urheber der Bilder: